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Zwischen Tradition und Wahrheit: Wann wurde Jesus (AS) wirklich geboren?

Autor: Safeer-ur-Rehman, Murabbi-e-Silsila

Der 25. Dezember gilt weltweit als Geburtstag Jesu (as). Lichter, Musik und Rituale vermitteln eine scheinbare Gewissheit. Doch je tiefer man sich mit den ursprünglichen Quellen beschäftigt, desto klarer wird eine überraschende Wahrheit: Weder Der Heilige Qur’an noch die Bibel noch die frühe christliche Geschichte kennen dieses Datum.

Als Ahmadi, der Hadhrat Jesus (as) als großen Propheten Gottes liebt und ehrt, sehe ich es als Pflicht, diese Frage ehrlich zu stellen. Nicht um zu provozieren, sondern um der Wahrheit näherzukommen. Denn echte Ehrfurcht vor einem Propheten zeigt sich darin, dass man ihn von späteren Mythen befreit.

Ein Blick in den Heiligen Qur’an: Keine Wintergeburt

Der Heilige Qur’an beschreibt die Geburt Jesu (as) mit bemerkenswerter Klarheit und mit Bildern, die fest im natürlichen Jahreslauf verankert sind:

„…schüttle nur den Stamm der Palme gegen dich, sie wird frische reife Datteln auf dich fallen lassen. So iss und trink und kühle (dein) Auge.“
(19:26–27)

Diese Worte sind entscheidend. Reife, frische Datteln wachsen in Palästina nicht im Dezember. Ihre Erntezeit liegt im Sommer und frühen Herbst. Der Heilige Qur’an spricht nicht von gelagerten Früchten, sondern von frisch gepflückten Datteln, die unmittelbar Nahrung und Kraft spenden.

Hinzu kommt das Bild von fließendem Wasser und einem Aufenthalt im Freien. Beides passt zu warmem Klima. Eine Geburt in den kalten Winternächten Judäas widerspricht diesem klaren Szenario.

Der Heilige Qur’an erzählt hier keine symbolische Wintergeschichte. Er beschreibt eine reale, lebensnahe Situation. Und diese Situation weist eindeutig auf eine Geburt in der warmen Jahreszeit hin.

Die Bibel bestätigt das Bild: Hirten in der Nacht

Auch die Bibel liefert einen entscheidenden Hinweis, der selten kritisch gelesen wird:

„Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Feld, die hüteten des Nachts ihre Herde.“
(Lukas 2,8)

Hirten hielten sich in Judäa im Winter nicht nachts auf freiem Feld auf. Die Temperaturen sind niedrig, die Nächte rau, Schnee ist keine Seltenheit. In dieser Jahreszeit wurden die Herden geschützt untergebracht.

Dass Hirten nachts draußen wachten, spricht deutlich für Frühling, Sommer oder Herbst. Damit bestätigt die Bibel genau das, was der Heilige Qur’an bereits nahelegt.

Bemerkenswert ist, dass viele christliche Gelehrte diesen Widerspruch offen anerkennen. Sie geben zu, dass die biblische Schilderung nicht mit einer Dezembergeburt vereinbar ist.

Die entscheidende Frage: Woher kommt dann der 25. Dezember?

Wenn der Heilige Qur’an noch Bibel dieses Datum stützen, stellt sich zwangsläufig die Frage nach seinem Ursprung.

Die historische Forschung ist hier erstaunlich eindeutig. Der 25. Dezember taucht erst im vierten Jahrhundert in der kirchlichen Tradition auf. Die frühen Christen kannten kein festes Geburtsdatum Jesu. Für sie spielte es offenbar keine Rolle.

Zwei Gründe erklären, warum gerade dieses Datum gewählt wurde

Erstens wurde im Römischen Reich um diese Zeit ein großes Sonnenwendfest gefeiert. Der 25. Dezember galt als Geburtstag der „unbesiegbaren Sonne“. Als das Christentum zur Staatsreligion wurde, übernahm man dieses populäre Datum und füllte es mit christlichem Inhalt.

Zweitens entwickelten Kirchenväter symbolische Berechnungen, bei denen sie von einem angenommenen Empfängnisdatum im März ausgingen und neun Monate hinzurechneten. Auch hier ging es nicht um historische Erinnerung, sondern um theologische Symbolik.

In beiden Fällen zeigt sich klar: Der 25. Dezember ist ein später Kompromiss, kein überliefertes Ereignis.

Warum diese Frage für uns wichtig ist?

Für uns ist Jesus (as) kein mythologisches Wesen, sondern ein menschlicher Prophet Gottes. Gerade deshalb ist historische Genauigkeit kein Nebenthema, sondern ein Ausdruck von Respekt.

Der Verheißene Messias (as) hat gelehrt, dass die Wahrheit über Jesus im Laufe der Jahrhunderte überdeckt wurde. Nicht nur durch falsche theologische Vorstellungen, sondern auch durch Traditionen, die sich vom ursprünglichen Geschehen gelöst haben.

Die Frage nach dem Geburtsdatum zeigt beispielhaft, wie sich religiöse Überzeugungen verselbstständigen können, wenn sie nicht mehr an Offenbarung und Vernunft gemessen werden.

Der Heilige Qur’an wirkt hier wie ein Korrektiv. Still, aber eindeutig lenkt er den Blick zurück auf die Realität.

Warum wir überzeugt sind, dass Jesus nicht am 25. Dezember geboren wurde?

Die Argumente sind klar und nachvollziehbar: Der Heilige Qur’an beschreibt eine Umgebung, die nur zu einer warmen Jahreszeit passt. Die Bibel erwähnt Hirten, deren Verhalten im Winter unlogisch wäre. Die frühe Kirche kannte kein Geburtsdatum Jesu (as). Der 25. Dezember wurde Jahrhunderte später aus symbolischen und kulturellen Gründen eingeführt.

Zusammengenommen ergibt sich ein schlüssiges Bild: Die Geburt Jesu (as) fand höchstwahrscheinlich im Sommer oder Frühherbst statt.

Was diese Erkenntnis bedeutet und was nicht

Diese Feststellung nimmt niemandem den Glauben. Sie greift keine Gefühle an. Sie nimmt Jesus nichts von seiner Größe.

Im Gegenteil. Sie befreit ihn von einer Tradition, die historisch nicht haltbar ist und rückt ihn wieder näher an die Wirklichkeit eines Propheten, der in Raum und Zeit lebte.

Christen feiern Weihnachten aus Liebe zu Jesus (as). Diese Liebe verdient Respekt. Doch Liebe schließt Wahrheit nicht aus.

Für uns als Ahmadī-Muslime ist die Wahrheit selbst ein Akt der Verehrung.

Schlussgedanke: Jenseits der Lichter

Vielleicht liegt die eigentliche Bedeutung dieser Frage nicht darin, ein anderes Datum zu finden. Vielleicht liegt sie darin, den Mut zu haben, vertraute Annahmen zu hinterfragen.

Der Heilige Qur’an lädt genau dazu ein. Er führt weg von Mythen und hin zur Klarheit. Er zeigt Jesus (as) als das, was er war: ein von Gott gesandter Mensch, geboren in einfachen Umständen, getragen von göttlicher Gnade. Und genau darin liegt seine wahre Größe.