Nicht nur Neujahrsputz: Der wahre Geist von Waqar-e-Amal

Viele verbinden den Begriff „Waqar-e-Amal“ vor allem mit dem Neujahrsputz. So sehr hat sich dieses Programm in den Köpfen unserer Khuddam eingebrannt. Doch nach dem Neujahrsputz meinen einige, dass es sich damit mit dem Waqar-e-Amal für das ganze Jahr erledigt hätte.

Es stellt sich also die Frage: Was ist eigentlich die Bedeutung von „Waqar-e-Amal“? Und geht es beim Waqar-e-Amal nur um das Saubermachen? Welche Wichtigkeit verbirgt sich hinter dieser Arbeit? Für die Beantwortung dieser Fragen müssen wir zurück zu den Anfängen.

Nach der Gründung der Khuddam-ul-Ahmadiyya im Februar 1938 ging Hadhrat Musleh Mau’ud (RA) in einer Freitagsansprache im April 1938 näher auf die Abteilung für „Waqar-e-Amal“ ein. Er gab der Majlis Khuddam-ul-Ahmadiyya ein Programm vor, das vorsah, täglich eine halbe Stunde gemeinschaftliches Waqar-e-Amal durchzuführen. Das war die ursprüngliche Form des Waqar-e-Amal. Aber auch hier wurde nicht unbedingt nur das Saubermachen erwähnt. Die Definition von Waqar-e-Amal, welches wir mit „Würde der Arbeit“ bzw. „Ehrenvolle Arbeit“ übersetzen können, legt Hadhrat Musleh Mau’ud (RA) in einer Rede aus „Fackel für den Weg“ (Mashal- e-Rah, Band 1) folgendermaßen fest: „dass man sich angewöhnt mit den Händen zu arbeiten und keine Arbeit als minderwertig betrachtet“ (Fackel für den Weg, S. 489). In diesem einen Satz liegen für uns die Visionen und Weisheiten von Hadhrat Musleh Mau’ud (RA). Ich versuche diese kurz aufzuschlüsseln.

Zum einen sollen wir uns die Arbeit zu einer Gewohnheit machen. Über Gewohnheiten könnte man eigentlich ein eigenes Kapitel schreiben. Je nachdem, wo man das Wort nachschlägt, erhält man auch unterschiedliche Definitionen. Im Grunde geht es aber darum, dass es eine Tätigkeit ist, die man unbewusst ausführt, unabhängig von den äußeren Einflüssen. Beispielsweise kann ein Raucher per se eine schüchterne Person sein. Er ist sich aber nicht zu schade eine fremde Person nach Zigaretten oder einem Feuerzeug zu fragen, weil das Rauchen seine Gewohnheit ist. Er würde dies sogar tun, wenn es draußen regnen würde oder er würde Wege finden, um nicht nass zu werden. Das bedeutet, dass wir uns die Arbeit zu einer solchen Gewohnheit machen sollen, dass wir nicht lange ins Grübeln geraten, ob das jetzt überhaupt unsere Aufgabe ist oder nicht oder uns fragen, was wir als Gegenleistung dafür bekommen. Wir sollen es einfach machen.

Eigenhändiges Arbeiten

Kommen wir zu dem, was eigentlich zu tun ist, nämlich Arbeiten eigenhändig zu verrichten. Wenn man darüber nachdenkt, macht man ja vieles eigenhändig. Diesen Text schreibe ich im Moment auch eigenhändig. Unsere Kinder und Jugendlichen spielen auch eigenhändig Spiele. Aber das ist damit natürlich nicht gemeint. Wenn Hadhrat Musleh Mau’ud (RA) von eigenhändigem Arbeiten spricht, meint er solche Arbeiten, die als „minderwertig“ oder „Arbeit für Menschen der Unterschicht“ betrachtet werden, was völlig falsch und den Lehren des Islam zuwider ist. Jetzt könnte man natürlich schauen, welche Arbeiten werden in Deutschland als minderwertig erachtet. Doch allein diese Betrachtungsweise reicht hier allerdings nicht aus. Wir müssen uns dies noch intensiver und individueller vergegenwärtigen.

Giftige Gedanken der minderwertigen Arbeit

Um das zu verstehen, müssen wir nochmals ein paar Jahre in die Zeit zurückreisen. Am 23. September 2018 hatte die Majlis Khuddam-ul-Ahmadiyya UK die Ehre, Hudhur-e-Aqdas (ABA) auf ihrem Salana Ijtema willkommen zu heißen. In seiner Abschluss-ansprache zitierte Hudhur-e-Aqdas (ABA) folgenden Vers aus dem Heiligen Quran:

„حٰفِظُوۡا عَل َ الصَّلَوٰت ِ و َ الصَّلٰوۃ ِ الۡوُسۡطٰی“

„Wacht über die Gebete und das mittlere Gebet, und steht demütig vor Allah“ (2:239).

In diesem Zusammenhang erwähnt Hudhur-e-Aqdas (ABA), dass im Allgemeinen das Sohar-bzw. das Assr-Gebet als „das mittlere Gebet“ angesehen wird. Doch auch dies muss jeder im Hinblick auf seinen Tagesrhythmus betrachten und es könnte sein, dass „das mittlere Gebet“ für manche Khuddam heutzutage etwas anderes meint, die sehr spät zu Bett gehen, weil sie sich mit Spielen, Fernsehen oder anderen unbedeutenden Dingen aufhalten und nicht rechtzeitig zum Fajr-Gebet aufstehen können oder es im Zuge dessen gar nicht verrichten. Für diese Khuddam wäre das Fajr-Gebet heutzutage „das mittlere Gebet“. Es ist also notwendig, jedes der fünf Gebete zu verrichten und rechtzeitig Maßnahmen zu treffen, um bei jedem einzelnen davon pünktlich vor Allah stehen zu können (z.B. das möglichst zeitige Einschlafen).

In Analogie zu dem „mittleren Gebet“, das für jeden Einzelnen ganz unterschiedliche Gebete meinen kann, kann auch „eine minderwertige Arbeit“ für jeden Einzelnen etwas anderes bedeuten. Jeder muss für sich selbst schauen, was für ihn eine „niedere“ oder „minderwertige“ Arbeit ist und dann diesen giftigen Gedanken, falls er ihn in sich finden sollte, aus sich entfernen. Dazu sollte sich jeder aufraffen und vornehmen, der Tätigkeit nicht nur eigenhändig nachzugehen, sondern diese zu seiner Gewohnheit zu machen. Beispielsweise könnte es jemand für eine minderwertige Arbeit erachten, Müll von den Straßen aufzuheben, oder auf irgendeinem Programm die Toiletten zu säubern. Sich zu fein für irgendeine Arbeit zu sein, und andere für sich arbeiten zu lassen, statt diese selbst zu erledigen, ist eine völlig falsche Einstellung. In Wahrheit ist dies sogar die Wurzel der Sklaverei: Man lässt andere für sich das tun, was man selbst nicht tun will.

Waqar-e-Amal ist also das Gegenteil der Sklaverei

Genau diese Aufgaben sollte man sich daher angewöhnen. Denn wenn jeder aus der Ober- oder Mittelschicht diese Arbeiten tun würde, könnten wir gemeinsam eine bessere Gesellschaft kreieren, in der es keine „Schwachen“ mehr geben würde, die als „minderwertig“ angesehen werden, weil jeder jede Arbeit zu tun bereit wäre. (vgl. Fackel für den Weg, S. 157-158)

Die Ressource der Manpower

Aus den Schriften von Hadhrat Musleh Mau’ud (RA) können hierbei wiederum zwei Komponenten unterschieden werden. Die eine ist individueller Art und wie soeben geschildert, muss jeder in seinem Umfeld schauen, welche Arbeiten er im Hinblick auf den Geist des Waqar-e-Amal bislang vernachlässigt hat und wo er sich noch einbringen kann. Daneben gibt es noch den kollektiven Ansatz, der die Ressource der „Manpower“ betrachtet und wie diese einen Mehrwert für die Gesellschaft generieren kann, wenn man sie gezielt in Projekten einsetzt.

Hadhrat Musleh Mau’ud (RA) sagt: „Da sich nun sechs Tage im Jahr ergeben, hat es zur Folge, dass, wenn an diesen Tagen jeweils 1000 Männer ganztägig arbeiten, sich die Arbeitskraft auf 6000 Mann im Jahr beläuft. Die Arbeitskraft von 6000 Mann ist nicht zu unterschätzen, vielmehr ist sie groß und beeindruckend. Meiner Meinung nach beläuft sich die Zahl derer, die in Qadian eigenhändige Arbeit verrichten auf etwa 4000, was zugleich bedeutet, dass sich dabei eine Arbeitskraft von 12.000 Mann pro Jahr ergäbe. Wenn diese Arbeitskraft dann noch auf Grundlage eines Arbeitskonzeptes wirkt, dann können große Veränderungen hervorgerufen werden.“ (Fackel für den Weg, Seite 112)

Vor diesem Hintergrund soll gezielt nach gemeinnützigen Projekten geschaut werden, zu denen dann auch die ganze Jamaat (Kinder ab 8-10 Jahren und Ansar) eingeladen wird. (vgl. Fackel für den Weg, S.113)

Im Prinzip könnte man das heutzutage auch mit sozialer Arbeit gleichsetzen und analysieren, wo wir uns als Khuddam-ul-Ahmadiyya, ob individuell oder im Kollektiv, beteiligen können. Nichtsdestotrotz geht es aber darum nie träge zu werden und Arbeiten, die man selbst durchführen, kann anderen aufzuerlegen.

Die Absicht als Essenz

Das sind im Wesentlichen die eigentlichen Ziele des Waqar-e-Amal, nämlich den Gedanken der Knechtschaft im Keim zu ersticken, die Nichtstuerei und Arbeitslosigkeit zu bekämpfen, organisiert und regelmäßig für die Gesellschaft zu arbeiten und darin nicht Schmach, sondern Ehre und Würde für sich zu sehen. Es geht vielmehr darum seine Denkweise zu verändern und nunmehr den Gedanken abzulegen, dass dieses oder jenes nicht meine Arbeit ist. Es geht darum, aus sich selbst herauszuwachsen, indem man sich in Demut übt. Waqar-e-Amal ist keine Zurschaustellung, es ist keine Inszenierung. An dieser Stelle möchte ich auf ein Hadith aufmerksam machen, in dem es heißt:

„Die Taten werden nach den Absichten gerichtet.“ (Sahih Bukhari)

Es kommt also nicht darauf an was man tut, sondern was man denkt, wofür man die Arbeit tut, während man sie tut. Ich kann Müll von der Straße aufheben, damit Leute mich dabei beobachten. Ich kann aber auch denken, dass ich diesen Müll aufhebe, um andere vor Schaden zu bewahren und der Anweisung des Heiligen Propheten (SAW) und seiner Sunna zu folgen. Mit Waqar-e-Amal kann jeder Einzelne von uns dazu beitragen, der Überheblichkeit und Idee der Versklavung den Kampf anzusagen und die Denkart ab-zulegen, dass gewisse Arbeiten nur von einem bestimmen Personenkreis durchgeführt werden sollten. Somit kann wahres Waqar-e-Amal mit der richtigen Absicht die Welt in unserem jeweiligen Umfeld – und damit als Ganzes – zu einem besseren Ort machen. Möge Allah uns alle dazu befähigen, den Geist des Waqar-e-Amal in unserem Leben praktisch umzusetzen, Amin.

Nimm auch du am 11.04.2026 bzw. 12.04.2026 an der nationalen Säuberungsaktion in deiner Moschee bzw. deinem Namaz-Center teil und erlebe den Geist des Waqar-e-Amal mit deinen Brüdern zusammen.