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Wenn die Seele müde wird

Von: Anil Mubashar

Burnout und die Herausforderungen junger Menschen

Es gibt eine Form der Erschöpfung, die man einem Menschen lange Zeit nicht ansieht. Ein junger Mensch geht morgens zur Arbeit oder zur Universität, erfüllt seine Aufgaben, begegnet seiner Familie, trifft Freunde und versucht, seinen religiösen Verpflichtungen gerecht zu werden. Vielleicht engagiert er sich zusätzlich in seiner Gemeinde und empfindet diese Tätigkeit als eine wertvolle Möglichkeit, Allah zu dienen. Nach außen scheint sein Leben geordnet zu sein. Doch wenn am Abend die Geräusche des Tages verstummen und niemand mehr etwas von ihm erwartet, merkt er vielleicht zum ersten Mal, wie wenig Kraft ihm eigentlich geblieben ist.

Nicht jede Müdigkeit ist Burnout. Nicht jede schwierige Phase ist eine psychische Erkrankung. Das Leben verlangt dem Menschen Anstrengung ab, und Herausforderungen gehören zur menschlichen Existenz. Es gibt Prüfungen im Beruf, im Studium, in der Familie und im persönlichen Leben. Auch ein gläubiger Mensch ist davon nicht ausgenommen. Der Islam verspricht kein Leben ohne Belastung. Er lehrt den Menschen vielmehr, wie er Belastungen mit Geduld, Vertrauen, Verantwortung und einer lebendigen Beziehung zu Allah begegnen kann.

Gerade deshalb ist es wichtig, über Burnout offen und ohne Vorurteile zu sprechen. Die Weltgesundheitsorganisation beschreibt Burnout als ein arbeitsbezogenes Phänomen, das aus chronischem Stress am Arbeitsplatz entsteht, der nicht erfolgreich bewältigt wurde. Es ist insbesondere durch anhaltende Erschöpfung, zunehmende mentale Distanz oder negative Gefühle gegenüber der Arbeit und ein vermindertes Gefühl beruflicher Wirksamkeit gekennzeichnet. Burnout ist nach dieser Definition keine eigenständige Krankheit, sondern ein Phänomen im Zusammenhang mit der Arbeitswelt.

Für junge Menschen ist die Lebenswirklichkeit jedoch häufig komplexer. Neben Beruf oder Studium kommen familiäre Verpflichtungen, finanzielle Sorgen, Zukunftsängste, soziale Erwartungen, persönliche Krisen und die permanente digitale Erreichbarkeit hinzu. Deshalb darf nicht jede psychische oder körperliche Erschöpfung automatisch als Burnout bezeichnet werden. Gleichzeitig können langanhaltende und nicht ausreichend bewältigte Belastungen die Gesundheit erheblich beeinträchtigen.

Dabei soll eine Sache ausdrücklich festgehalten werden: Khidmat ist nicht die Ursache von Burnout. Der Dienst für Allah und die Gemeinschaft kann im Gegenteil eine Quelle von Sinn, Freude, Brüderlichkeit und innerer Stabilität sein. Ein junger Mensch kann in seiner Khidmat Erfüllung finden und gerade durch die Gemeinschaft Unterstützung erfahren. Wenn ein Mensch dennoch an Erschöpfung leidet, sollte deshalb nicht vorschnell seine religiöse oder gemeindliche Tätigkeit dafür verantwortlich gemacht werden. Entscheidend ist vielmehr die Gesamtheit seiner Lebenssituation und die Frage, ob Belastung und Erholung noch in einem gesunden Verhältnis zueinander stehen.

Wenn der Körper ständig unter Spannung steht

Um Burnout und chronische Überlastung zu verstehen, müssen wir zunächst verstehen, was Stress mit dem Menschen macht.

Stress ist nicht grundsätzlich schädlich. Unser Körper besitzt ein hochentwickeltes System, das uns auf Herausforderungen vorbereitet. In einer schwierigen Situation werden unter anderem Hormone wie Adrenalin und Cortisol ausgeschüttet. Herzschlag und Aufmerksamkeit steigen, Energie wird mobilisiert und der Körper bereitet sich darauf vor, auf eine Herausforderung zu reagieren. Kurzfristig kann diese Reaktion hilfreich sein.

Problematisch wird es, wenn aus einer vorübergehenden Belastung ein dauerhafter Zustand wird. Wenn der Mensch kaum noch Phasen echter Erholung erlebt, kann die ständige innere Anspannung zu einem erheblichen Problem werden. Schlaf kann schlechter werden, Konzentration und Gedächtnis können nachlassen, körperliche Beschwerden können zunehmen und die emotionale Belastbarkeit kann sinken. Ein Mensch wird möglicherweise schneller gereizt, fühlt sich überfordert oder zieht sich von anderen zurück.

Dabei entsteht ein gefährlicher Kreislauf: Die Erschöpfung vermindert die Leistungsfähigkeit, die verminderte Leistungsfähigkeit erzeugt zusätzlichen Druck, der zusätzliche Druck führt zu noch mehr Stress und dieser wiederum erschwert die Erholung.

Irgendwann wacht der Mensch morgens bereits mit dem Gefühl auf, hinter seinen Aufgaben zurückzuliegen, bevor der Tag überhaupt begonnen hat. Der Heilige Qur’an betrachtet den Menschen nicht als eine Maschine, die ohne Unterbrechung funktionieren kann. Allah kennt seine Natur. Deshalb heißt es:

«„Allah belastet keine Seele über ihr Vermögen hinaus.“ (Sure al Baqarah, 2:286)»

Dieser Vers ist kein Aufruf, jede Belastung einfach schweigend hinzunehmen. Er erinnert uns vielmehr daran, dass der Mensch Grenzen besitzt. Und wenn Allah die Grenzen der menschlichen Seele kennt, dann sollte auch der Mensch lernen, diese Grenzen wahrzunehmen und verantwortungsvoll mit ihnen umzugehen.

Die Warnzeichen, die wir zu lange übersehen

Burnout beziehungsweise eine ernsthafte Überlastung beginnt selten mit einem einzigen dramatischen Zusammenbruch. Viel häufiger verändert sich ein Mensch langsam. Vielleicht schläft er schlechter und fühlt sich morgens trotzdem erschöpft. Vielleicht fällt es ihm zunehmend schwer, sich zu konzentrieren. Er liest eine Nachricht und muss sie zweimal lesen. Er beginnt Aufgaben aufzuschieben, die ihm früher leichtgefallen sind. Dinge, die ihm Freude gemacht haben, erscheinen plötzlich anstrengend. Er wird gereizter und bemerkt vielleicht selbst, dass er wegen Kleinigkeiten ungewöhnlich stark reagiert.

Andere Menschen ziehen sich zurück. Ein junger Mensch, der früher gerne mit Freunden zusammen war, möchte plötzlich allein sein. Nachrichten bleiben unbeantwortet. Gespräche werden vermieden. Nicht weil die Menschen um ihn herum unwichtig geworden sind, sondern weil selbst soziale Kontakte Energie zu kosten beginnen. Auch die eigene Wahrnehmung verändert sich. Manche Betroffene entwickeln das Gefühl, niemals genug zu leisten. Egal, wie viel sie erledigen, die innere Stimme sagt ihnen weiterhin: „Du müsstest mehr schaffen.“

Andere verlieren den Bezug zu dem Sinn ihrer Tätigkeit. Sie erfüllen ihre Aufgaben noch, empfinden dabei aber kaum noch Freude oder innere Beteiligung. Und manchmal erreicht diese Erschöpfung sogar den Bereich, der einem Menschen eigentlich Ruhe geben sollte. Das Gebet wird hastig. Die Gedanken schweifen ständig ab. Die Tilawat wird immer wieder auf später verschoben. Dua wird kürzer, weil der Mensch nicht mehr weiß, wie er seine Gedanken überhaupt ordnen soll.

Gerade an diesem Punkt brauchen wir große Barmherzigkeit. Ein junger Mensch, der sich psychisch erschöpft fühlt, sollte nicht zusätzlich hören: „Dein Iman ist zu schwach.“ Er braucht Verständnis. Denn seelische Erschöpfung und schwacher Glaube sind nicht dasselbe.

Der Qur’an kennt die Sprache des belasteten Herzens

Der Heilige Qur’an spricht eine Sprache, die den Menschen in seiner ganzen Wirklichkeit umfasst. Er spricht über Freude und Trauer, Hoffnung und Angst, Stärke und Schwäche.

Allah sagt: «„Wahrlich, im Gedenken Allahs finden die Herzen Ruhe.“ (Sure ar Ra’d, 13:29)»

Diese Worte bedeuten nicht, dass ein Gläubiger niemals Stress, Krankheit oder psychische Belastungen erleben wird. Der Qur’an verspricht dem Menschen keine Welt ohne Prüfungen.

Die Bedeutung liegt tiefer. Wenn alle äußeren Sicherheiten schwanken, braucht der Mensch einen inneren Mittelpunkt, der nicht mit den Umständen schwankt. Ein Arbeitsplatz kann verloren gehen. Eine Prüfung kann misslingen. Eine Beziehung kann zerbrechen. Finanzielle Sorgen können entstehen. Ein Mensch kann krank werden.

Aber die Beziehung zwischen dem Diener und seinem Herrn kann auch mitten in diesen Prüfungen bestehen bleiben. Der Islam gibt dem Menschen deshalb etwas, das über jede Technik zur Stressbewältigung hinausgeht: Er gibt seinem Leben einen letzten Sinn und seinem Herzen einen festen Bezugspunkt. Der Mensch ist nicht allein auf seine eigene Kraft angewiesen.

Als der Heilige Prophet (SAW) durch das Jahr der Trauer ging

Wenn wir wissen möchten, ob schwere seelische Belastungen mit einem starken Glauben vereinbar sind, müssen wir nicht lange suchen. Wir brauchen nur das Leben des Heiligen Propheten Muhammad (SAW) zu betrachten.

Hazrat Khadija (RA) war die erste Person, die seine Wahrheit bestätigte. In den schwierigsten Jahren stand sie an seiner Seite. Sie war seine Ehefrau, seine Vertraute und eine Quelle von Trost. Als sie verstarb, verlor der Heilige Prophet (SAW) einen Menschen, dessen Unterstützung für ihn von unschätzbarem Wert gewesen war. Nicht lange danach starb auch Abu Talib.

Der Verlust dieser beiden Menschen fiel in eine Zeit, in der die Feindschaft der Quraisch gegenüber dem Heiligen Propheten (SAW) und seinen Anhängern immer heftiger wurde. Diese Zeit wird als das Jahr der Trauer bezeichnet. Doch die Prüfungen hörten dort nicht auf.

Der Heilige Prophet (SAW) ging nach Ta’if. Er hoffte, dort Menschen zu finden, die bereit wären, die Botschaft Allahs anzunehmen. Stattdessen wurde er abgewiesen und körperlich angegriffen. Er wurde mit Steinen beworfen und verletzt. Und dennoch wandte er sich Allah zu.

Hier liegt eine Wahrheit, die gerade junge Menschen unserer Zeit verstehen müssen: Ein Mensch kann tief traurig sein und dennoch vollkommen auf Allah vertrauen. Er kann erschöpft sein und dennoch gläubig sein. Er kann Tränen vergießen und dennoch stark sein.

Die Offenbarung an den Heiligen Propheten (SAW) enthält den Trost: «„Dein Herr hat dich weder verlassen noch ist Er unzufrieden mit dir.“ (Sure ad Duha, 93:4)»

Diese Worte waren für den Heiligen Propheten (SAW) eine Verheißung Allahs. Sie tragen aber auch für uns eine tiefe Botschaft. Wenn ein Mensch sich verlassen fühlt, bedeutet das nicht, dass Allah ihn verlassen hat. Wenn sich sein Leben dunkel anfühlt, bedeutet das nicht, dass Allah ihn nicht mehr sieht. Und wenn die eigene Kraft für einen Moment nicht ausreicht, bedeutet das nicht, dass der Glaube verschwunden ist.

Die Sunnah lehrt nicht Selbstzerstörung, sondern Ausgeglichenheit

Es gibt einen weiteren Grund, warum dieses Thema im Islam mit großer Ausgewogenheit betrachtet werden muss. Der Heilige Prophet (SAW) verlangte von seinen Gefährten nicht, ihren Körper zu vernachlässigen, um besonders fromm zu erscheinen.

Als Abdullah bin Amr (RA) sich in seiner religiösen Hingabe überforderte, wies der Heilige Prophet (SAW) ihn darauf hin, dass der Körper ein Recht über ihn habe. Auch seine Augen und seine Familie hätten Rechte. Diese Lehre ist für unsere Zeit bemerkenswert aktuell. Denn manchmal wird Leistung mit Frömmigkeit verwechselt.

Man glaubt, je mehr man tut, desto besser sei man. Je weniger man schläft, desto engagierter sei man. Je mehr Aufgaben man übernimmt, desto aufrichtiger sei man.

Doch die Sunnah zeigt uns etwas anderes. Islam bedeutet nicht, den Menschen gegen seine eigene Natur zu führen. Islam bedeutet, den Menschen in ein gesundes Gleichgewicht zu führen. Gebet und Schlaf. Dienst und Erholung. Familie und persönliche Verantwortung. Arbeit und Ruhe. Körper und Seele. Der Heilige Prophet (SAW) lehrte, dass all diese Bereiche ihre Rechte besitzen.

Darf man „Nein“ sagen?

Gerade junge Menschen haben häufig Angst vor diesem Wort. Sie möchten niemanden enttäuschen. Sie wollen zuverlässig sein. Sie möchten gebraucht werden. Und natürlich möchten sie Allah dienen. Deshalb ist es wichtig, auch hier differenziert zu denken.

Ja, ein Mensch darf in einer bestimmten Situation „Nein“ sagen. Das gilt auch für eine Aufgabe innerhalb der Jamaat. Aber ein solches „Nein“ sollte nicht als Ablehnung der Khidmat verstanden werden. Es kann vielmehr ein ehrliches Eingeständnis der eigenen momentanen Möglichkeiten sein. Wenn ein junger Mensch beispielsweise beruflich oder familiär außergewöhnlich stark belastet ist und weiß, dass er eine zusätzliche Aufgabe nicht zuverlässig erfüllen kann, kann es verantwortungsvoller sein, dies offen zu kommunizieren.

Ein Satz wie: «„Ich würde diese Aufgabe sehr gerne übernehmen, aber momentan kann ich ihr leider nicht die notwendige Zeit und Aufmerksamkeit geben.“» ist kein Zeichen mangelnder Aufrichtigkeit.

Im Gegenteil. Es schützt die Qualität der Aufgabe. Und es verhindert, dass aus einer freiwillig übernommenen Verantwortung eine Belastung entsteht, die am Ende weder dem Menschen noch der Aufgabe zugutekommt. Khidmat sollte aus Liebe entstehen, nicht aus Angst.

Was können junge Menschen praktisch tun?

Der erste Schritt ist Ehrlichkeit. Nicht jede Erschöpfung bedeutet Burnout. Aber anhaltende Erschöpfung sollte ernst genommen werden. Ein junger Mensch sollte seinen Lebensrhythmus betrachten und sich fragen: Schlafe ich ausreichend? Bewege ich mich regelmäßig? Habe ich Zeit, in der ich wirklich abschalten kann? Verbringe ich zu viel Zeit am Bildschirm? Habe ich Menschen, mit denen ich offen sprechen kann? Bin ich ständig gereizt? Habe ich Freude an Dingen verloren, die mir früher wichtig waren? Fühle ich mich dauerhaft unter Druck? Versuche ich, immer mehr zu leisten, obwohl meine Kräfte bereits nachlassen? Solche Fragen sind keine Selbstbezogenheit. Sie sind Selbstreflexion.

Auch Schlaf darf nicht unterschätzt werden. Ein chronisch übermüdeter Mensch kann seine Emotionen, Konzentration und Belastbarkeit schlechter regulieren. Deshalb ist ausreichend Schlaf keine nebensächliche Angelegenheit, sondern ein Bestandteil eines verantwortungsvollen Umgangs mit dem Körper.

Ebenso wichtig sind Bewegung, eine ausgewogene Ernährung und soziale Beziehungen. Der Mensch braucht nicht nur Aufgaben, sondern auch Zeiten, in denen er lachen, sprechen, spazieren gehen, mit seiner Familie zusammen sein und innerlich zur Ruhe kommen kann. Und manchmal bedeutet Erholung tatsächlich, für eine gewisse Zeit nichts leisten zu müssen.

Die besondere Rolle des Gebets

Für einen Muslim darf die Lösung niemals bei rein weltlichen Maßnahmen enden. Aber ebenso wenig sollte das Gebet als Ersatz für jede medizinische oder psychologische Behandlung verstanden werden. Das Gebet ist etwas anderes. Es ist die Rückkehr des Geschöpfes zu seinem Schöpfer.

Wenn der Mensch im Salat steht, bringt er nicht nur Worte hervor. Er legt seine Abhängigkeit offen. Im Sujud ist der Mensch körperlich am niedrigsten und geistig doch seinem Herrn besonders nahe. Der Verheißene Messias (as) hat die gewaltige Bedeutung des Gebets immer wieder hervorgehoben. Er lehrte, dass der Mensch nicht durch seine eigene Kraft allein das wahre Ziel erreichen kann, sondern Allahs Kraft benötigt.

Das ist für einen erschöpften Menschen eine tiefgreifende Botschaft. Du musst nicht so tun, als könntest du alles allein. Du darfst Allah sagen: „Ich bin müde.“ „Ich weiß nicht weiter.“ „Ich brauche Deine Hilfe.“ „Gib mir Kraft.“

Dua muss keine literarische Rede sein. Manchmal sind die ehrlichsten Duas die einfachsten. Und manchmal fließen dabei Tränen. Auch das ist eine Form der Rückkehr zu Allah.

Tawakkul bedeutet nicht, die Mittel zu verlassen

Hier liegt ein weiterer wichtiger Punkt. Wenn ein Mensch über längere Zeit unter starker Erschöpfung, depressiver Stimmung, Angst, Schlafproblemen oder anderen Beschwerden leidet, sollte er nicht einfach alles auf seinen Iman zurückführen. Der Islam verlangt keine Verleugnung von Krankheit. Ein Mensch mit körperlichen Beschwerden sucht medizinische Hilfe. Ebenso kann ein Mensch mit psychischen Beschwerden ärztliche oder psychotherapeutische Unterstützung suchen.

Das widerspricht Tawakkul nicht. Der Verheißene Messias (as) lehrte immer wieder die Bedeutung der Mittel und der göttlichen Hilfe. Der Mensch nutzt die Mittel, die Allah ihm gegeben hat, und erkennt gleichzeitig, dass die letztendliche Wirksamkeit aller Mittel bei Allah liegt.

Dua und Therapie sind keine Gegner. Tawakkul und medizinische Behandlung sind keine Gegner. Qur’an und fachkundige Hilfe sind keine Gegner. Ein gläubiger Mensch darf sagen: „Ich vertraue auf Allah und gehe trotzdem zum Arzt.“ „Ich mache Dua und suche trotzdem psychotherapeutische Unterstützung.“ „Ich vertraue meinem Herrn und nehme trotzdem die Hilfe meiner Familie und meiner Brüder an.“ Das ist kein Mangel an Glauben. Es ist verantwortungsvolles Handeln.

Wenn ein Bruder plötzlich anders wird

Burnout und andere Formen schwerer Überlastung werden oft dadurch verschlimmert, dass Menschen schweigen. Vielleicht hat ein Bruder Angst, als schwach zu gelten. Vielleicht denkt er, andere würden ihn nicht verstehen. Vielleicht glaubt er, er müsse alles allein bewältigen. Vielleicht schämt er sich sogar dafür, dass ihm etwas zu viel geworden ist. Deshalb sollten wir lernen, genauer hinzuschauen.

Wenn ein Bruder, der früher voller Energie war, plötzlich sehr still wird, sich zurückzieht, ständig erschöpft wirkt oder seine Freude verliert, sollten wir nicht sofort fragen: „Warum kommst du nicht mehr?“ Vielleicht ist die bessere Frage: „Wie geht es dir wirklich?“ Und dann müssen wir bereit sein, die Antwort auch auszuhalten. Nicht jeder Mensch braucht sofort einen Ratschlag. Manchmal braucht er jemanden, der zuhört. Manchmal braucht er Unterstützung bei einer konkreten Aufgabe. Manchmal braucht er Zeit. Manchmal braucht er professionelle Hilfe.

Und manchmal braucht er einfach einen Bruder, der ihm das Gefühl gibt: „Du musst diese Last nicht allein tragen.“ Das ist wahre Brüderlichkeit. Eine Begebenheit aus dem Leben des Verheißenen Messias (as):

Im Leben des Verheißenen Messias (as) finden wir ein besonders schönes Beispiel dafür, wie menschliche Not betrachtet werden sollte. Ein Mensch kam zu ihm und begann, von seinen Sorgen zu erzählen. Während andere aufgrund der Länge des Gesprächs ungeduldig wurden, hörte der Verheißene Messias (as) weiter zu. Er ließ den Menschen nicht einfach mit einem schnellen religiösen Ratschlag stehen, sondern nahm seine Belastung ernst und verwies ihn auch auf Ruhe und medizinische Behandlung.

Darin liegt eine bemerkenswerte islamische Haltung. Der Mensch wird nicht auf seine Seele reduziert, als existiere sein Körper nicht. Und er wird auch nicht auf seinen Körper reduziert, als existiere seine Seele nicht. Der Islam betrachtet den Menschen ganzheitlich. Er betet und behandelt. Er vertraut und handelt. Er hofft auf Allah und nimmt die Mittel in Anspruch.

Vielleicht braucht unsere Zeit nicht mehr Leistung, sondern mehr Bewusstsein

Die moderne Welt sagt dem jungen Menschen jeden Tag: schneller, höher, mehr. Mehr Leistung. Mehr Geld. Mehr Kontakte. Mehr Erfolg. Mehr Produktivität. Mehr Sichtbarkeit.

Und selbst die Freizeit wird manchmal zu einer weiteren Aufgabe. Man muss den Körper optimieren, den Tagesablauf optimieren, die Karriere optimieren und sogar die eigene Erholung optimieren.

Der Qur’an führt den Menschen aus diesem endlosen Kreislauf zurück zu einer anderen Wahrheit: «„Und Ich habe die Jinn und die Menschen nur darum erschaffen, dass sie Mir dienen.“ (Sure adh Dhariyat, 51:57)»

Der Zweck des Menschen besteht nicht darin, möglichst viel zu leisten. Sein höchster Zweck ist die Beziehung zu seinem Schöpfer. Das verändert die Perspektive auf alles andere. Dann ist Arbeit nicht mehr das, was unserem Leben seinen Wert gibt. Studium ist nicht das, was unseren Wert bestimmt. Erfolg ist nicht unser Gott. Und selbst Khidmat ist nicht dazu da, unseren menschlichen Wert zu beweisen. Wir dienen Allah, weil Er unser Herr ist. Wir arbeiten, weil Arbeit eine Verantwortung sein kann. Wir lernen, weil Wissen ein Geschenk und eine Verantwortung ist. Wir helfen anderen, weil Barmherzigkeit Teil des Glaubens ist. Aber nichts davon bedeutet, dass wir unsere eigene Gesundheit ignorieren müssen.

Wenn die Seele müde wird

Vielleicht liest gerade jetzt ein junger Mensch diese Zeilen, der seit langer Zeit versucht, stark zu wirken. Vielleicht erfüllt er seine Aufgaben. Vielleicht lächelt er. Vielleicht sagt er auf die Frage „Wie geht es dir?“ immer: „Alhamdulillah.“ Und vielleicht ist dieses „Alhamdulillah“ ehrlich, denn trotz seiner Schwierigkeiten hat er Allah nicht verlassen. Aber vielleicht ist er trotzdem müde. Dann soll er wissen: Es ist keine Schande, müde zu sein. Es ist keine Schande, Hilfe zu brauchen. Es ist keine Schande, eine Pause einzulegen. Es ist keine Schande, mit einem Arzt oder Therapeuten zu sprechen. Es ist keine Schande, einer zusätzlichen Aufgabe zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht gewachsen zu sein. Und es ist keine Schande, im Sujud zu liegen und Allah seine Tränen zu zeigen.

Denn Allah hat den Menschen nicht erschaffen, damit er sich selbst zum Gott seiner eigenen Kräfte macht. Er hat ihn erschaffen, damit er erkennt, wem seine Kraft letztlich gehört. Der Heilige Prophet Muhammad (SAW) kannte Trauer und blieb dennoch der Geliebte Allahs.

Der Verheißene Messias (as) kannte Krankheit und Belastung und blieb dennoch fest in seinem Vertrauen auf Allah. Die Gefährten kannten Prüfungen und fanden dennoch Kraft in ihrem Glauben. Und der Qur’an bleibt bis heute die Quelle, zu der jedes erschöpfte Herz zurückkehren kann.

Allah sagt: «„Mit der Erschwernis ist gewiss Erleichterung. Wahrlich, mit der Erschwernis ist gewiss Erleichterung.“ (Sure al Inshirah, 94:6 bis 7)»

Die Erschwernis ist nicht das Ende der Geschichte. Vielleicht wird sie zu einer Zeit, in der der Mensch lernt, seine Grenzen zu erkennen. Vielleicht zu einer Zeit, in der er wieder beten lernt, nicht nur mit seinen Lippen, sondern mit seinem ganzen Herzen. Vielleicht zu einer Zeit, in der er begreift, dass Hilfe anzunehmen keine Schwäche ist. Vielleicht zu einer Zeit, in der er seine Beziehung zu seiner Familie erneuert. Vielleicht zu einer Zeit, in der er einen Bruder wahrnimmt, der neben ihm ebenfalls still leidet. Und vielleicht zu einer Zeit, in der er eine Wahrheit erkennt, die in einer Welt voller Leistung leicht vergessen wird: Der Mensch ist nicht wertvoll, weil er alles schafft. Er ist wertvoll, weil Allah ihn erschaffen hat.

Möge Allah unseren jungen Menschen körperliche Gesundheit, seelische Ausgeglichenheit und geistige Stärke schenken. Möge Er ihnen Weisheit geben, ihre Grenzen zu erkennen, ohne ihre Verantwortung aufzugeben, und ihnen die Fähigkeit schenken, mit Aufrichtigkeit zu dienen, ohne sich selbst zu vernachlässigen.

Möge Er unsere Jamaat zu einem Ort machen, an dem Brüder nicht nur gemeinsam arbeiten, sondern auch gemeinsam füreinander da sind, an dem ein Mensch seine Belastung aussprechen kann, ohne sich schämen zu müssen, an dem Khidmat aus Liebe und Freude geschieht und nicht aus Angst und an dem jeder junge Mensch weiß, dass hinter ihm Brüder stehen, die ihm zuhören, für ihn beten und ihm helfen.

Und möge Allah uns in einer Zeit, in der die Welt den Menschen ständig dazu auffordert, mehr zu leisten, die Demut schenken, innezuhalten und uns daran zu erinnern, wo unsere wahre Kraft liegt.

Nicht in uns selbst. Sondern bei Ihm.

„Allah ist der Beschützer derer, die glauben.“

Möge Er unsere Herzen schützen, unsere Körper gesund erhalten, unsere Seelen stärken und uns stets zu Ihm zurückführen.

Amin.

Anmerkung der Redaktion:

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