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Vom Rezitieren zum Verstehen: Wie der Heilige Qur´an uns verändern kann

Ein Gespräch mit Tariq Ahmad Zafar Sahib, Murabbi-e-Silsila

Der Monat Ramadan ist nicht nur eine Zeit des Fastens, sondern vor allem ein Monat der Rückkehr zum Wort Allahs. In keinem anderen Monat wird der Heilige Qur’an mit solcher Hingabe rezitiert, gehört und reflektiert wie in diesem gesegneten Zeitraum. Doch welche tiefere Weisheit liegt hinter dieser besonderen Verbindung zwischen Ramadan und dem Heiligen Qur’an? Und wie kann insbesondere die junge Generation aus dieser Beziehung nachhaltige spirituelle Kraft schöpfen?

In diesem Interview spricht Tariq Ahmad Zafar Sahib mit uns über die zentrale Rolle des Heiligen Qur’an im Ramadan, über die Bedeutung beständiger Rezitation und tiefen Nachdenkens sowie darüber, wie eine lebendige Beziehung zum Wort Gottes auch über den Ramadan hinaus gepflegt werden kann.

1. Warum nimmt der Heilige Qur’an im Monat Ramadan eine so zentrale Rolle ein?

Der Monat Ramadan nimmt im Islam eine ganz besondere Stellung ein, weil in ihm der Heilige Qur’an zum ersten Mal offenbart wurde. Allah Taʿala selbst weist im Qur’an darauf hin:

Der Monat Ramadan ist der, in welchem der Qurʼan herabgesandt wurde: eine Weisung für die Menschheit, deutliche Beweise der Führung und (göttliche) Zeichen. (2:186)

Der Heilige Qur’an wurde im Monat Ramadan dem Heiligen Propheten Muhammad ﷺ erstmals offenbart. Darüber hinaus berichten Überlieferungen, dass der Engel Gabriel in jedem Ramadan gemeinsam mit dem Propheten ﷺ den bis dahin offenbarten Teil des Qur’ans vollständig wiederholte. Im letzten Ramadan seines gesegneten Lebens geschah dies sogar zweimal.

Allein daraus lässt sich erkennen, welche besondere Bedeutung die Rezitation des Qur’ans in diesem Monat hat.

Doch um diese Bedeutung wirklich zu erfassen, müssen wir zunächst verstehen, was der Heilige Qur’an ist:
Er ist das wörtlich offenbarte Wort Gottes – ein lebendiges Buch. Allah beschreibt ihn selbst als Schifāʾ (Heilung), als Barmherzigkeit und als ein Licht, das den Menschen aus der Dunkelheit ins Licht führt. Es ist das Buch, das den Menschen unmittelbar mit seinem Schöpfer verbindet.

Der Ramadan ist zudem ein Monat der inneren Einkehr. Während die körperlichen Bedürfnisse bewusst reduziert werden, richtet sich der Fokus stärker auf die Seele. Und was könnte die Seele besser nähren als das Wort Gottes selbst?

Wenn wir uns im Ramadan intensiv mit dem Qur’an beschäftigen, offenbart sich uns ein immer tieferes Bild von Allah – von Seinem Wesen, Seiner Barmherzigkeit und Seiner Nähe. Es gleicht einem Briefwechsel mit einem Geliebten: Je mehr man liest, desto stärker wird die Bindung.

Genau das ist eines der Hauptziele des Ramadan – den Menschen zurück zu seinem Schöpfer zu führen. Und welches Mittel wäre dafür größer als der Heilige Qur’an selbst?

2. Wie entsteht aus vermehrter Rezitation eine tiefere Verbindung zum Qur’an?

Es ist eine ganz natürliche menschliche Erfahrung: Wenn man viel Zeit mit einem geliebten Menschen verbringt, möchte man diese Beziehung nicht einfach abbrechen lassen.

Genauso wirkt der Ramadan auf uns. Er führt uns „zurück zu den Wurzeln“ – zurück zur Verbindung mit Allah. Der Qur’an spielt dabei eine zentrale Rolle.

Durch das tägliche, intensive Lesen über einen ganzen Monat hinweg entsteht eine Gewohnheit. Mit der Zeit erkennt man nicht nur die sprachliche Schönheit des Qur’ans, sondern auch seine Wirkung auf das eigene Herz und Denken. Diese Erfahrung weckt den Wunsch, diese Verbindung auch nach dem Ramadan aufrechtzuerhalten.

Der Ramadan sollte daher als Trainingsmonat verstanden werden:
Ein Monat, der uns befähigt, das ganze Jahr über auf einem höheren spirituellen Niveau zu bleiben – und im nächsten Ramadan erneut weiterzuwachsen, anstatt jedes Jahr bei null zu beginnen.

Der Heilige Prophet ﷺ sagte sinngemäß, dass Allah besonders jene Taten liebt, die regelmäßig, auch wenn sie klein sind, verrichtet werden. Genau diese Beständigkeit sollte unser Ziel sein.

3. Warum ist das Nachdenken über den Qur’an gerade für junge Khuddam so wichtig?

Der Heilige Qur’an ist kein Buch, das nur rezitiert werden soll wie ein Mantra. Er ist eine Rechtleitung, in der der lebendige Gott zu uns spricht. Der Qur’an selbst fordert den Menschen immer wieder dazu auf, über seine Verse nachzudenken.

Hazrat Ali (RA) sagte sinngemäß, dass eine Rezitation ohne Nachdenken nicht dem eigentlichen Zweck des Qur’ans entspricht.

Auch vom Propheten ﷺ ist überliefert, dass er einzelne Verse immer wieder wiederholte – nicht aus Wiederholung um ihrer selbst willen, sondern um deren Bedeutung tief zu verinnerlichen.

Die Geschichte der frühen Muslime zeigt eindrucksvoll, welche Wirkung das Verstehen des Qur’ans haben kann. Selbst Nicht-Muslime beschrieben den Qur’an als etwas Überwältigendes. So sehr, dass manche versuchten, sich dem Hören zu entziehen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist Hazrat Umar (RA), dessen Herz sich allein durch das Hören der Qur’an Rezitation veränderte – ein Wendepunkt, der schließlich zu seiner Annahme des Islams führte.

All dies zeigt: Die tiefgreifende Wirkung des Qur’ans entfaltet sich erst dann vollständig, wenn der Mensch versteht, was gesprochen wird.

Der Verheißene Messias (AS) stellte den Qur’an als das fortwährende Wunder des Propheten ﷺ dar. Für unsere Zeit bedeutet das ganz klar: Wir müssen uns mit seinen Inhalten bewusst auseinandersetzen.

4. Wie können wir den Qur’an besser und im richtigen Kontext verstehen?

Zunächst ist es wichtig, den Stellenwert des Qur’ans zu erkennen. Der Prophet ﷺ erklärte, dass selbst für das Lesen eines einzelnen Buchstabens des Qur’ans ein Lohn bei Allah bestimmt ist – und jede gute Tat wird mindestens zehnfach belohnt.

Der Qur’an bringt Licht in das Leben eines Menschen. In Überlieferungen wird beschrieben, dass Häuser, in denen der Qur’an gelesen wird, den Himmelsbewohnern wie leuchtende Sterne erscheinen.

Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass Allah in unserer Zeit den Verheißenen Messias (AS) gesandt hat, um die tiefen Wahrheiten des Qur’ans neu zu erschließen. Seine Schriften, ebenso wie die Tafsir (Exegese) der Khulafa, sind ein unschätzbarer Schatz.

Besonders hervorzuheben ist auch die Liebe des ersten Kalifen, Hazrat Hakeem Maulvi Nooruddin (RA), der sinngemäß sagte: „Wenn ich im Paradies bin, dann wünsche ich mir von Gott, dass er mir den Qur’an gibt.“

Hazrat Musleh Maud (RA) hat, ebenso wie die nachfolgenden Kalifen, sein Leben damit Verbracht den Qur’an und seine Überlegenheit der Welt zu präsentieren

Heute stehen uns auf Al-Islam zudem Übersetzungen, die Qur’an App und digitale Tafsir-Werke zur Verfügung. Der Zugang war nie einfacher.

Wenn wir uns mit so vielen weltlichen Büchern beschäftigen, sollten wir uns ehrlich fragen: Wie intensiv befassen wir uns mit dem Buch Gottes, das unseren Lebenszweck erfüllen soll?

Der Verheißene Messias (AS) sagte sinngemäß: Wer den Qur’an ehrt, wird im Himmel geehrt.

5. Wie bleibt die Beziehung zum Qur’an auch nach dem Ramadan bestehen?

Der Schlüssel liegt in der Routine.

Allah hebt im Qur’an besonders die Rezitation am Morgen hervor:

„Wahrlich, die Lesung des Qur’an bei Tagesanbruch findet besondere Anerkennung.“ (17:79)

Der Tag sollte – wann immer möglich – mit dem Qur’an beginnen, idealerweise mit Rezitation und Übersetzung. So wie der Körper Nahrung braucht, benötigt die Seele geistige Nahrung.

Mit der Zeit entwickelt sich ein inneres Verlangen nach dem Qur’an. Bis dieser Zustand erreicht ist, braucht es manchmal Selbstdisziplin – doch diese Mühe wird reich belohnt.

Der Heilige Prophet ﷺ sagte:

  • Der Qur’an wird am Jüngsten Tag Fürsprache für seine Leser einlegen.
  • Wer seine Zeit mit Qur’an-Rezitation verbringt, dem schenkt Allah mehr, als er selbst hätte erbitten können.

Der Qur’an ist erhaben über alle Worte – so wie Allah über Seine gesamte Schöpfung erhaben ist.