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Dr. Abdus Salam Sahib: Ein Gigant der Wissenschaft

Von Saif Ali

Mit dem Tod von Dr. Abdus Salam Sahib in den frühen Stunden des 20. November 1996 in Oxford verlor die Welt einen der gewaltigsten Intellektuellen, den die Welt jemals hervorgebracht hat. Er war nicht nur einer der  herausragendsten Wissenschaftler, den die muslimische Welt jemals hervorgebracht hatte, sondern vielleicht sogar einer der größte Wissenschaftler in diesem Jahrhundert. Dr. Abdus Salam Sahib stand auf einer Stufe mit Giganten wie Isaac Newton, der das Gravitationsgesetz entdeckte, oder Albert Einstein, dessen Ziel der Vereinheitlichung aller Naturkräfte ein entscheidendes Stück näherkam. Doch während er international als leuchtender Stern gefeiert wurde, blieb ihm in seiner Heimat die volle Anerkennung oft verwehrt. Sein Leben war geprägt von drei Welten: der Welt des Islam, der Welt der theoretischen Physik und der Welt der internationalen Zusammenarbeit, wobei er stets versuchte, diese Sphären zu vereinen.

Der außergewöhnliche Werdegang begann in der kleinen Stadt Jhang, wo er am 29. Januar 1926 als Sohn eines Angestellten des Bildungsministeriums geboren wurde. Schon früh zeigten sich zwei dominante Charakterzüge. Ein tiefer religiöser Glaube und der Antrieb, in der Welt etwas zu bedeuten. Dr. Abdus Salam Sahibs akademische Laufbahn war beispiellos, er brach alle akademischen Rekorde im ungeteilten Subkontinent und belegte zwischen 1938 und 1946 in jedem Examen die Spitzenposition. Es gibt Anekdoten aus seiner Kindheit, die seine enorme Konzentrationsfähigkeit belegen. So fand man ihn einmal, während die Familie ihn suchte, versteckt hinter einem Stapel von Steppdecken, völlig vertieft in ein Buch. Diese Fähigkeit zur totalen geistigen Absorption behielt er sein Leben lang bei. Selbst als er 1946 mit einem Stipendium an das St. John’s College in Cambridge ging, setzte sich sein Erfolg fort: Er schloss sein Studium in Mathematik und Physik in nur drei Jahren mit Bravour ab und promovierte 1952 in theoretischer Physik über die Renormierungstheorie.

Bereits in jungen Jahren, mit nur 33, war Dr. Abdus Salam Sahib für seine originelle Forschung in der theoretischen Physik berühmt. Im Jahr 1957 wurde er im Alter von nur 31 Jahren zum Gründungsprofessor für theoretische Physik am Imperial College in London ernannt. Seine wissenschaftlichen Beiträge waren revolutionär. Mit seiner bahnbrechenden Forschung verwirklichte Dr. Abdus Salam Sahib einen Teil von Einsteins großer Vision: die Vereinheitlichung von zwei der vier fundamentalen Naturkräfte. Dr. Abdus Salam Sahib gelang es zu beweisen, dass die schwache Kernkraft (die für radioaktive Prozesse verantwortlich ist) und die elektromagnetische Kraft lediglich zwei Manifestationen einer einzigen Kraft sind, der sogenannten elektroschwachen Kraft. Für diese Theorie erhielt er 1979 den Nobelpreis für Physik.


Dr. Abdus Salam Sahibs wissenschaftliches Werk umfasste jedoch weit mehr als nur den Nobelpreis. Er veröffentlichte über 270 Originalarbeiten und trug zu jedem bedeutenden Fortschritt in der Teilchenphysik seit 1950 bei. Zu seinen Leistungen gehörten die Zwei-Komponenten-Neutrino-Theorie, Arbeiten zu Symmetrieeigenschaften von Elementarteilchen und die Supersymmetrie.

Doch über seine wissenschaftlichen Triumphe hinaus blieb Dr. Abdus Salam Sahib tief in der Ahmadiyya Muslim Jamaat verwurzelt, die für ihn spirituelle Heimat und Anker zugleich war. Schon sein Lebensweg begann mit den Segnungsgebeten des bekannten Gelehrten Maulvi Ghulam Rasul Rajeki, und später fand er in Sir Zafrulla Khan einen lebenslangen Mentor, der ihn in der Londoner Fazl-Moschee bei seiner Ankunft in England 1946 willkommen hieß. Dr. Abdus Salam Sahib war ein Mann des gelebten Glaubens, der während der Freitagsansprachen eifrig Notizen machte, da er spirituelle Impulse oft als Geistesblitze für seine Forschung empfand. Sein tiefes Vertrauen auf Gott zeigte sich auch im Moment seines größten Erfolgs. Er betrachtete sich als Botschafter seines Glaubens und begann seine Nobelpreisrede, gekleidet in Turban und traditionelle Tracht, mit Versen aus dem Heiligen Koran. Anstatt den Ruhm für sich zu behalten, spendete er das gesamte Preisgeld im Gedenken an seine Eltern für Stipendien an bedürftige Schüler in Entwicklungsländern. Er fand schließlich seine letzte Ruhe in Rabwah, wo jedoch selbst im Tod die Ausgrenzung nicht endete und das Wort „Muslim“ nachträglich von seinem Grabstein entfernt wurde.