Der Kollaps der Zivilisation und die neue Weltordnung
Anmerkung der Redaktion: Der nachfolgende Artikel wurde ursprünglich in der Nuuruddin-Magazin Ausgabe 02/2024 veröffentlicht
Ursachen des Zusammenbruchs
Wenn der Zusammenbruch der globalen Zivilisation erfolgt ist, dann wird man sich die Frage stellen, wie dies geschehen konnte. Man wird diskutieren, wie dieser oder jener Krieg hätte verhindert werden können, warum der Mensch so gewalttätig ist, woher seine unersättliche Gier kommt und warum man dem Streben nach Macht nicht Einhalt gebieten konnte. Denn eines wird klar sein: Letztlich wird man feststellen, dass es das individuelle oder kollektive Streben nach Mehr ist, das dazu geführt hat, dass man wie im 1. oder 2. Weltkrieg den halben Planeten in Schutt und Asche gebombt und Millionen, wenn nicht Milliarden von Menschen getötet hat. Es heißt dann, Gewalt und Krieg gehöre zum Menschen, sei Teil seiner Natur, man könne dies nicht verhindern.
Institution zur Friedenssicherung
Es ginge darum, Vorkehrungen zu treffen, Institutionen wie den Völkerbund (nach dem 1. Weltkrieg) oder die Vereinten Nationen (nach dem 2. Weltkrieg) zu etablieren, welche all dem letztlich sinnlosen Gemetzel Einhalt gebieten könnten. Und wahrscheinlich wird dann der immer wieder ertönende Ruf nach einer Weltregierung laut, denn wenn die ganze Menschheit sich erst einer einzigen Autorität beugt und sich von einer herrschenden Macht regieren lässt, dann könne wahrer, ja ewiger Frieden erreicht werden. Notwendig würde sein, dass wir uns als ein einziges Menschengeschlecht verstehen, als Teil einer globalen Gemeinschaft, dass wir keinen Unterschied machen zwischen Weißen und Schwarzen, zwischen Muslimen und Christen oder zwischen Menschen, die chinesischer Abstammung sind, und solchen, die aus Amerika kommen.
Die Grenzen menschlicher Bemühungen
Der Mensch mag noch sehr daran glauben, dass er die Macht hat, Institutionen ins Leben zu rufen, die für Frieden sorgen, schlussendlich werden auch diese Bemühungen scheitern. Solange der Mensch sich selbst zum Souverän, zum Gesetzgeber und zum Richter seines Lebens erhöht, ja, solange er nicht akzeptiert, dass allein Gott derjenige ist, der als Richter, Gesetzgeber und Souverän über den Menschen herrscht, wird es Katastrophe auf Katastrophe und Untergang auf Untergang geben. Doch warum ist dem so?
Das Streben nach Frieden und die Natur des Menschen
Warum schafft der Mensch Unfrieden, wenn er doch eigentlich in Frieden leben will? Warum bekriegen sich die Völker, obwohl sie doch eigentlich kein Interesse daran haben, ihre Söhne in den Fleischwolf der Front zu schicken? Warum schaffen wir es scheinbar nicht, eine Lebensform anzunehmen, die gesellschaftliche Verhältnisse erzeugt, die Kriege und unmenschliche Ungerechtigkeiten unmöglich machen?
Die Lösung des Heiligen Propheten Muhammad (saw)
Die Antwort darauf hat der Heilige Prophet Muhammad (saw) gegeben; und dies auf eine Weise, die für viele nicht sofort ersichtlich ist. In seiner berühmten Abschlusspredigt hat das Siegel der Propheten (saw) ein Manifest gegen Rassismus, Ungleichheit und Ungerechtigkeit hinterlassen. Er sagte eindringlich, dass ein Araber nicht besser ist als ein Nicht-Araber und dass ein Schwarzer keinen Vorrang besitzt gegenüber einem Weißen. Diese Worte sind uns allen bekannt, sie weisen auf die Gleichheit der menschlichen Ethnien hin und sollen verhindern, dass rassistisch motivierte Gräuel und systematische Ungleichbehandlung Fuß fassen.
Taqwa als Grundlage der Gesellschaft
Wie soll man vermeiden, dass Menschen rassistisch werden? Die Antwort gibt der Heilige Prophet (saw) in einem unscheinbaren Nebensatz, der auf den Appell folgt. Er sagt, keine Ethnie hat Vorrang – außer in der Gottesfurcht. Dieser kleine Nebensatz birgt die Lösung für all die sozialen Verwerfungen, denen wir seit Jahrtausenden gewahr werden. Denn der Heilige Prophet (saw) macht auf zwei Aspekte aufmerksam. Indem er darauf hinweist, dass Taqwa, also die Gottesfurcht, Menschen oder sozialen Gruppen Vorrang gegenüber anderen einräumt, akzeptiert er gewissermaßen, dass der Mensch immer und zu jeder Zeit in einem Konkurrenzverhältnis zu seinen Mitmenschen steht.
Konkurrenzprinzip und moralische Werte
Dies ist eine menschliche Tatsache, die unumstößlich ist und der Natur des Menschen eingeschrieben ist. Er wird immer und zu jeder Zeit mit seinen Mitmenschen wetteifern. Es ist dieses Wetteifern, dieses Konkurrenzprinzip, das im Kern verantwortlich ist für den furchtbaren Zustand der Welt. Menschen wollen besser sein als die anderen, und so konkurrieren sie in jenen Werten und Idealen, die in einer Gesellschaft oder weltweit als erstrebenswert aufgefasst werden.
Wenn, wie in unserer Zeit, Gott und Moral, also Gottesfurcht, keine Rolle spielen, dann konkurriert man in weltlichen Dingen. Man versucht reicher, schöner, mächtiger und berühmter zu sein als die Mitmenschen. Dieses unaufhörliche Rattenrennen führt dazu, dass man bereit ist, moralische Grenzen zu überschreiten und anderen Leid zuzufügen, wenn es nur dazu führt, den eigenen sozialen Rang zu verbessern. Und dies gilt umso mehr, wenn es kein moralisches Regulativ gibt, wenn Religionen keine Rolle spielen und die Menschen nicht daran glauben, dass Gott im Diesseits und im Jenseits das unmoralische Verhalten bestraft.
Wetteifern in Gottesfurcht
Der Heilige Prophet (saw) akzeptiert gewissermaßen dieses in der menschlichen Natur eingelassene Streben danach, besser zu sein als der andere – aber, und das ist wesentlich, er sagt, man solle in der Gottesfurcht wetteifern, da die Gottesfurcht das einzige Kriterium ist, das wahre Relevanz besitzt. Es ist jenes Kriterium, das für Gott zählt. Nach diesem richtet er den Menschen; Reichtum, Berühmtheit und äußerliche Schönheit fallen für Ihn nicht ins Gewicht.
Wetteifern in guten Taten
Frieden und Gerechtigkeit können nur Einzug halten, wenn die Werteordnung einer Gesellschaft sich verändert. Der Mensch strebt nach Anerkennung und sozialer Wertschätzung. Diese Dinge sind zu erreichen, indem man in der sozialen Hierarchie aufsteigt. Es kommt im Wesentlichen also darauf an, welche Werte in einer Gesellschaft als erstrebenswert und anerkennungswürdig inthronisiert sind. Wenn die Menschen Anerkennung und Wertschätzung erfahren, wenn sie viel Geld verdienen und berühmt sind, dann werden sie auch alles dafür tun, um viel Geld zu verdienen und berühmt zu werden. Wenn die Menschen aber Anerkennung und soziales Prestige erhalten, wenn sie Taqwa an den Tag legen, dann werden sie zwangsläufig alles dafür tun, um moralisch, lauter, gerecht und friedlich zu sein.
Veränderung der Werteordnung
Die Schönheit dieses Wetteiferns in guten Dingen, welches ja auch im Heiligen Quran empfohlen wird, liegt darin, dass auf diese Weise sozialen Missständen Einhalt geboten werden könnte. Menschen würden Anerkennung durch gute Taten erfahren und würden auf natürliche Weise dazu motiviert sein, Gutes zu tun. Darüber hinaus liegt eine weitere Schönheit darin, dass die Menschen freier und selbstbewusster leben könnten.
In unserer Ära ist der soziale Rang der Menschen oftmals sofort ersichtlich. Die Menschen tun auch alles dafür, um ihren Rang durch materielle Güter zur Schau zu stellen. Dann ist es zum Beispiel viel wichtiger, ein teures Auto zu fahren als in einem guten Haus zu leben. Das Auto ist das Gut, das am schnellsten und deutlichsten den sozialen Rang demonstriert – und das auch noch gegenüber sehr vielen Mitmenschen. Wenn Taqwa indes der wichtigste Wert wäre und wir die Menschen vor allem nach diesem Wert beurteilen, dann würde dies bedeuten, dass wir einen gewissermaßen „unsichtbaren“, oder aber zumindest einen nicht quantifizierbaren Wert als wichtigstes Gut akzeptieren.
Dies würde dazu führen, dass wir den Menschen nicht mehr abschätzig begegnen – denn wir wissen letztlich ja nicht, wie der Wert desjenigen in den Augen Gottes ist. Jeder Einzelne wäre freier, da er sich nicht ununterbrochen Gedanken machen muss, wie seine Mitmenschen ihn bewerten. Es ist dieses ständige Betrachten der eigenen Person durch die Augen der anderen, das unfrei macht und zu einer Entfremdung führt – dies hat auch der Philosoph Rousseau erkannt.
Handlungsweisen im Heiligen Qur’an
Kurzum, wenn es im Heiligen Quran heißt, dass wir in guten Taten wetteifern sollen, dann wird eine Handlungsanweisung angesprochen, die zu wahrem individuellen und sozialen Frieden führen kann. Wie sähe eine neue Weltordnung also aus? Welche Rolle spielt der Heilige Prophet (saw) dahingehend? Vielen ist nicht bewusst, dass der Heilige Prophet (saw) der Prophet der Endzeit war; dass die Endzeit also gewissermaßen mit ihm begonnen hat. Diese Lesart hat der Verheißene Messias (as) vorgelegt, als er erklärte, dass Allah diesen eintausendjährigen religiösen Zyklus, in dem wir uns befinden, in drei Epochen eingeteilt hat.
Die drei Epochen der Menschheitsgeschichte
Die erste Epoche war die Zeit des Propheten Adams (as). In dieser war die Menschheit vereint unter dem Banner eines Glaubens und einer Sprache, welche Arabisch war. Die zweite Epoche war geprägt von der Ausdifferenzierung des Menschengeschlechts. In dieser verteilten sich die Völker auf dem Planeten. Jedes Volk entwickelte seine aus dem Arabischen abgeleitete, eigene Sprache, und zu jedem Volk entsandte Allah einen Propheten. Die dritte Phase, also die Endzeit, wurde eingeleitet durch die Entsendung des Heiligen Propheten Muhammad (saw). Er war das Siegel der Propheten und brachte die letzte, universelle Lehre für alle Völker und für alle Zeiten – und dies in der Ursprache Arabisch. Mit der Entsendung des Heiligen Propheten (saw) verfolgte Allah das Ziel, die Menschen wieder unter einer Religion zu vereinen, sowie sie auch wieder eine gemeinsame Sprache haben soll.
Die Aufgabe des Verheißenen Messias (as)
Wie jedem ersichtlich ist, wurde das Ziel der Vereinigung des Menschengeschlechts durch den Heiligen Propheten (saw) nicht abschließend erreicht. Zur damaligen Zeit gab es nicht die zivilisatorischen und technischen Möglichkeiten, als dass jenes Ziel hätte erreicht werden können. Für diese Aufgabe, also für die abschließende Vereinigung des Menschengeschlechts unter einer Religion, hat Allah den Verheißenen Messias des Islam, Hadhrat Mirza Ghulam Ahmad (as), vorgesehen. Er ist als Diener des Heiligen Propheten (saw) erschienen, um das Werk des Heiligen Propheten (saw) zu beenden. Nun ist es also nur eine Frage der Zeit, dass die Menschen wieder, wie zu Zeiten Adams, unter einem Glauben und in einer Sprache vereint sind. Die technischen, geistigen und zivilisatorischen Errungenschaften der Menschheit, die Gott jener gewährte, sind das materielle Fundament dieser zukünftigen Vereinigung. Nicht zuletzt das Internet und die digitale Revolution spielen eine signifikante Rolle.
Der Plan Allahs und die menschlichen Bestrebungen
Es ist recht bemerkenswert, dass auch mächtige Akteure auf der Welt daran arbeiten, die Welt zusammenzuführen, sie unter einer Ideologie zu vereinigen. Sie planen, doch Allah ist der beste Planer.