Wenn Sport zur Prüfung wird – Fußball, Fairness und Brüderlichkeit
Ein Kommentar von Danish Ahmad, Chefredakteur Nuuruddin
Der Anpfiff mag das Spiel eröffnen doch die Leidenschaft beginnt weit früher. Das Rumpeln der Fans, das Dröhnen der Trommeln, Tausende Stimmen, die sich aufs Spiel einstimmen. Fußball ist in Deutschland nicht nur Sport, sondern Kultur, Leidenschaft, Teil des Lebens. Der organisierte Sport hat aktuell einen Rekord erreicht. Mehr als 28,7 Millionen Mitgliedschaften sind es laut der Bestandserhebung des DOSB Anfang 2024 – so viele wie nie zuvor. Die Bundesliga hat ebenfalls eine neue Marke gesetzt. Die Profivereine haben in der Saison 2023/24 einen Gesamtumsatz von 5,87 Milliarden Euro erzielt, mit rund 4,8 Milliarden Euro allein in der höchsten Spielklasse.
Doch hinter den Zahlen verbirgt sich auch eine andere Realität. Mit jedem Stadion, das sich füllt, nehmen auch Konflikte zu. In der Saison 2023/24 wurden 1,29 Millionen Amateurspiele dokumentiert und dennoch kam es zu 909 Spielabbrüchen durch Gewalt oder Diskriminierung, das entspricht etwa 0,07 % aller Spiele.[1] Die Zahlen mögen klein erscheinen, doch sie stehen für Momente, in denen Fairness verloren geht und doch eigentlich jeder Sieg wertlos erscheint.
Die Schattenseiten zeigen sich nicht nur im Amateurbereich. Auch auf den großen Bühnen des Profifußballs, wo Kameras jede Bewegung einfangen und Millionenbeträge im Spiel sind, geht es oft weniger um Fairness als um Macht, Taktik und Ego. Man denke nur an die hitzigen Clásicos zwischen Real Madrid und FC Barcelona in der Ära Mourinho gegen Guardiola. Spiele, die nicht selten in Tumulten und Rudelbildungen endeten. Aus sportlicher Rivalität wurden offene Feindschaft und ein Spiel, das eigentlich verbinden sollte, spaltete Menschen, die doch derselben Nation angehörten. Geht es beim Spiel nur noch ums Gewinnen und das eigene Ego, bleibt vom eigentlichen Geist des Sports nichts übrig.

Während Spieler auf dem Feld von Rivalität und Ego getrieben werden und Fans ihren Unmut in höhnischen und morallosen Gesängen ausleben, zeigt uns der Islam einen anderen Weg. Gerade in einem Umfeld, in dem Macht und Prestige oft über Fairness gestellt werden, erinnert uns der Heilige Quran daran, proaktiv Frieden zu stiften und Harmonie untereinander zu wahren. So heißt es im Heiligen Quran:
Die Gläubigen sind Brüder. Stiftet drum Frieden zwischen euren Brüdern und nehmet Allah zu eurem Beschützer, auf dass euch Barmherzigkeit erwiesen werde. (Sura Al-Hujurat, Vers 11)
Dieser Vers betont die zentrale Bedeutung der Brüderlichkeit im Islam und macht deutlich: Die wahre Stärke des Islams liegt in jenem Ideal, das alle Schranken von Hautfarbe, Ethnie und Kaste überwindet. Gerade im Sport, wo Konflikte und Konkurrenz leicht die Oberhand gewinnen, lehrt uns der Heilige Quran, dass Respekt, Zusammenhalt und moralisches Handeln wichtiger sind als bloßer Sieg.
Während viele Khuddam sich auf ihr Regional Ijtema freuen und auch das Salana Ijtema näher rückt, steigt besonders die Spannung auf die sportlichen Wettbewerbe – allen voran auf den Fußball. Der Ehrgeiz, für die eigene Majlis aufzulaufen, sich zu messen und am Ende vielleicht als Sieger hervorzugehen, ist dabei nur allzu menschlich. Doch genau in diesen Momenten, in denen Emotionen hochkochen und der Wille zu gewinnen stärker wird, zeigt sich, welchen inneren Maßstab wir wirklich leben.
Denn was unterscheidet unseren Ansatz von dem, was wir im weltlichen Sport so häufig beobachten? Ist es nicht gerade unsere Aufgabe, einen anderen Weg sichtbar zu machen – einen, in dem Charakter über Ergebnis steht, Brüderlichkeit über Rivalität und Selbstbeherrschung über Ego?
In diesem Zusammenhang sollten wir uns die mahnenden und zugleich richtungsweisenden Worte von Hudhur-e-Aqdas (ABA) anlässlich des Salana Ijtema UK 2025 besonders zu Herzen nehmen:
Wie ich bereits sagte, ist das eigentliche Ziel unserer Sportveranstaltungen oder Wettkämpfe nicht, das Spiel oder Turnier zu gewinnen oder zu verlieren. Wir sollten nicht wie jene weltlichen Menschen handeln, die Sport oft als eine Angelegenheit von Leben und Tod betrachten und in hitzige Streitigkeiten, Prügeleien oder zu unfairen Mitteln greifen, um einen Vorteil zu verschaffen. Bedauerlicherweise kann es selbst unter Ahmadis vorkommen, dass persönliche Interessen oder Ego zu unangemessenem Verhalten führen.
Diese Worte sind nicht nur eine Erinnerung, sondern ein Maßstab. Sie fordern uns heraus, gerade dann Haltung zu zeigen, wenn es am schwierigsten ist – wenn wir uns benachteiligt fühlen, wenn Entscheidungen gegen uns fallen oder wenn der Sieg zum Greifen nah scheint. Genau dort entscheidet sich, ob wir den wahren Geist des Sports verkörpern oder ihm nur folgen, solange es bequem ist.
Vielleicht liegt der größte Sieg also nicht im Pokal am Ende des Ijtema, sondern in der Art und Weise, wie wir spielen, wie wir miteinander umgehen und wie wir selbst im Wettbewerb die Brüderlichkeit und Fairness bewahren.
[1] https://www.dfb.de/content/gewalt-und-diskriminierung-im-amateurfussball?